#Feingeist
Frühlingserwachen

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Irgendwo schrieb ich einst, ich möge alle Jahreszeiten. Das liegt am ehesten daran, dass mein Name nicht Petrus ist und ich das Wetter nicht ändern kann. Natürlich hat jede Zeit seine Vorteile. Im Sommer ist es lange hell und man kann noch länger draußen sitzen und feiern, im Winter hingegen mummelt man sich früh aufs Sofa um zu lesen oder man geht eher ins Bett und frönt dem wichtigen Schlaf.
Im Sommer ist es zudem auch sehr warm, um nicht zu sagen heiß. Generell habe ich nichts dagegen, doch die Enddreißiger der letzten Sommerjahre waren schon heftig. Naja, und im Winter ist es eben kalt! Ein heißer Tee, Kaminfeuer, warme Kuscheldecke, Musik, ein Buch…das ist schön, auf Dauer aber langweilig.

Die Zeiten dazwischen, die mag ich sehr. Wenn sich im Herbst die Blätter in allen Farben zeigen, die Bäume ihr Kleid verlieren, man beim Spaziergang durch raschelndes Laub wandern kann; das ist herrlich . An den Fenstern hängen gebastelte Pilze, im Haus verteilen sich gemalte Igel oder aus Kastanien gefertigte Tierchen und Figürchen. Der erste Wintertee hält Einzug, die Kürbiszeit beginnt.

Im Oktober neigt sich das Jahr dem Ende und es wird allgemein ruhiger. Man resümiert und besinnt sich vielleicht bereits auf die Weihnachtszeit.

Und obwohl ich weiß, nun kommt die dunkle Zeit, in der auch manchmal die Gedanken düster werden, genieße ich den Herbst in all seinem Glanz und seiner Schönheit. Er ist wechselbar. Manchmal scheint noch die Sonne, dann regnet es, auch schneit es das erste Mal. Man kann sich nicht auf das Wetter verlassen. Schließlich ist Herbst.

Wohingegen es im Frühling ähnlich aussieht, nur beginnt etwas Neues. Die Fauna erwacht aus ihrem Winterschlaf, die Flora beglückt die Welt mit ihren kräftigen Farben. Gelb, rosa, weiß und grün in allen Tönen.

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Der Rasenmäher läuft zum ersten Mal seit langer Zeit, man hört das Klappern der Gartengeräte und vor allem begegnet man wieder Menschen auf der Straße. Große, die sich lachend und lauthals mit ihren Nachbarn unterhalten. Natürlich die Kleinen, die auf ihren Rollern, Rädern und auch Skates durch die Straßen düsen und sich jauchzend darüber freuen, endlich wieder frei zu sein. Torjubel der Straßenfußballer, kleine Damen mit ihren Puppenwagen. Die Welt bewegt sich! Wann wird einem das mehr bewusst als im Frühling? Nach Monaten der Stille kehrt das Leben zurück.

Selbst wenn das Wetter im Frühjahr noch beständig seine Unbeständigkeit zeigt – man weiß, worauf man sich freuen kann.
Kürbissuppen, Eintöpfe und Kohlgerichte werden im Rezeptordner nach ganz hinten geheftet. Sie machen Platz für Salate, kalte Suppen, selbst gemachte Limonaden, Obstsalate und auch Fruchtcocktails. Im Garten wird alles auf Anfang vorbereitet, vielleicht wird dabei die Saison angegrillt.

Ich weiß nicht, wie es euch geht. Sobald die Natur sich aus ihrer winterlichen Schwermut erhebt, kommt für mich mehr Schwung in den Alltag. Das Leben spielt sich vermehrt draußen ab. Lange Ausflüge in Freigehege oder botanische Gärten. Selbst bei miesem Wetter geht es dann eben ins Museum. Freunde besuchen, die man ob schlechter Straßenverhältnisse lange nicht gesehen hat. Auch unsere regelmäßigen Spielnachmittage finden im Freien statt. Man lässt sich nicht nur die Sonne ins Gesicht scheinen, es hört auch dieses ständige Dreckputzen auf, da man erst zur Dämmerung wieder ins Haus geht und der Staub sich dann versteckt – bzw. aus irgendeinem Grund egal erscheint.

Im Allgemeinen sind die Menschen freundlicher gestimmt und gelassener. Die Virenzeit ist vorbei, es gibt kein Jammern über stete Erkältungen – wobei ich mich hier ganz vorne anstellen möchte. Ich kann mich momentan auch sehr gut über Krankheiten beschweren.
Friede, Freude, Unbeschwertheit. Das ist es, was ich in den dunklen Monaten arg vermisse.

Diesen Beitrag schreibe ich, während es draußen noch dunkel und kalt ist. Sogar fliegen vereinzelt Schneeflocken durch die Luft, über die ich mich freue. Im Herzen allerdings bin ich bereits auf Frühling eingestellt. Demnach brauche ich lediglich die Erinnerung der vergangenen Lenze und das damit verbundene Gefühl an diese Jahreszeit.
Bei dem Gefühl und bei der Erinnerung wird es wohl vorerst bleiben. Die Meteorologen sagen einen kalten März vorher. Die Scherze über den weihnachtlichen Schnee an den österlichen Weihnachten werden wohl wahr.

Folgender Vergleich ist natürlich nicht meinem Kopfe entsprungen. Treffender kann man es jedoch auch nicht beschreiben.
Die Jahreszeiten entsprechen dem Lauf des Lebens. Im Frühling beginnt man zu wachsen, im Sommer steht man in der Blüte des Lebens. Der Herbst hat seine schönen, aber auch bereits traurigen Seiten. Man verliert an Farbe, ohne hässlich zu werden. Im Gegenteil: wir entsprechen einer ganz anderen Schönheit, die wir noch in vollen Zügen genießen. Im Winter ist es trist, der Abschied vom Leben naht. Uns bleibt die Rückschau auf Vergangenes und die Erinnerung lässt in uns manchmal noch das kleine Kind hervorkommen, das wir einst im Frühling unseres Lebens waren – wie vereinzelte Blümchen, die in manchem Winter an die vergangen Monate gedenken lassen.

Die Zeit lässt sich nicht aufhalten. Es wird nicht immer Frühling sein. Was uns bleibt, sind die Momente, in denen wir Zeichen gesetzt haben – Monumente unseres Lebens.
Sowie die zwölf Monate eines Jahres, hat auch unser jedes Dasein seine Höhen und Tiefen. Sich an alles zu erinnern, niemals das Gute und auch nicht das Schlechte zu vergessen, darin liegt ein Sinn. In den schlechten Zeiten sich bewusst werden, dass es besser sein kann und in den guten Zeiten nicht alles für selbstverständlich nehmen; für mich eine Kunst, das Geschenk Leben zu leben und zu genießen.

Wenn irgendwann der Winter in mein Leben einzieht, dann werde ich nicht nur an die vergangenen frischen Grüns in meinem Leben denken. Vielmehr sollte mir mein Frühling den Winter erleichtern, um den Vergleich zwischen Natur und Leben in mir aufzurufen. Nichts hat ein Ende, alles beginnt von vorne. Wie weit ich noch meinen Teil dazu beitragen werde, kann und möchte ich nicht wissen. Eine Philosophie über Wiedergeburt, Paradies oder friedvolle Dunkelheit würde hier tatsächlich auch meinen Rahmen sprengen.
Jedoch geht es irgendwie weiter!

In diesem Sinne:

Pflückt Rosenknospen so lange es geht –
Die Zeit sehr schnell euch enteilt.
Die selbe Blume, die heute noch steht,
ist morgen dem Tode geweiht!

Walt Whitman
(1819-1892)

Gehabt euch wohl

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