Mit dem Handy geposted
Oder: Von der Schlechtigkeit der heutigen Jugend

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Mein Experiment, das Handy öfter mal im Schrank zu lassen hat nicht so gut funktioniert, wie es sollte. Geht auch gar nicht. Ich fotografiere damit, halte meinen besten Freund im Ausland auf neustem Stand, drück meiner Schwester vor der Prüfung nochmal die Daumen und mit meiner Schreibfreundin bleibt mir gar nichts anderes übrig, als über das Mobile Nachrichten zu schreiben. Unser Zeitmanagement lässt Telefon zu selten zu. Wichtig ist mir aber auch, ich kann jederzeit das Haus verlassen und bin erreichbar – zum Beispiel für die Schule, wenn mein Kind sich übergeben hat. So kann ich am Vormittag meinen eigenen Dingen nachgehen, die Schule ruft sowieso über das Handy an. Nicht, dass das schon mal passiert wäre. Aber es könnte…

Jedoch gehe ich kaum noch darüber ins Internet, wenigstens einen Punkt, den ich eingehalten habe.

Zur Post laufe ich aber auch nicht mehr als vorher, um nette Kärtchen oder Briefe zu verschicken. Das mache ich weiterhin über Email – allerdings male ich mal ein Bildchen und hänge es an. Ich kann das aber zugeben. Anderen einzureden besser zu sein, weil ich ein Kind der 70er bin, liegt mir fern. Und das, obwohl ich weiß, was eine Telefonzelle und ein Briefkasten sind. Auch bin ich nicht stolz drauf, noch Video- und Hörspielkassetten gehabt zu haben. Das sind nette – natürlich sehr schöne – Erinnerungen. Viel mehr freue ich mich, mich mit der technischen Entwicklung noch auseinandersetzen zu können. Wobei vieles bereits an mir vorbei geht und mir schwer fällt. Zum Beispiel vermisse ich arg Windows 98. Lacht nur! Ich mochte das sehr. Mein Laptop hat sich jetzt automatisch auf Windows 10 upgedated und mich und den Holden damit dazu gezwungen, Software zu erneuern, die ich genauso behalten wollte, wie sie war! Schlimmer noch: meine Tastatur hatte sich nicht mehr mit dem neuen Fenster vertragen und funktionierte gar nicht. Genauso ging es dem TouchPad und dem TrackPoint. Nur eine Maus half uns. Danke, du sanfte Wanze…ich freue mich, wieder einen Schritt aus meiner eigenen Entscheidungsgewalt herausgerückt worden zu sein.

Nach meinem LineDance gestern, habe ich noch ein wenig im Internet gesurft. Dabei mal wieder meine Seite des größten sozialen Netzwerkes aufgerufen. Sofort sprang mir ein Bild ins Gesicht. Eine Telefonzelle neben einem Briefkasten. Dazu in Lettern: „Nachhilfe für die heutige Jugend: links das Handy, rechts die Email.“ Das Schlimme ist, ich weiß, dieses Bild wurde mit dem Handy geposted, weil die Person sich nicht an den Computer setzt. Diese Person lud mich auch zu einer großen Feier ein, indem sie mir eine Nachricht auf mein Handtelefon schickte. Wenn man doch zeigen will, man hat es besser gehabt und gemacht, dann sollte man sich mal überlegen, wie man es heute macht.

Auch wenn es mir manchmal zuviel wird, ich bin der Erfindung des mobilen Telefons mehr als dankbar. Sicher erinnere ich mich gerne an die Zeiten, als ich noch eine Telefonzelle aufsuchte, um ein Gespräch zu führen, von dem meine Eltern nichts mitbekommen sollten. Im Gegenzug dazu erinnere ich mich auch an misslungene Partys, von welchen ich abgeholt werden wollte und erstmal stundenlang nach einer Telefonzelle suchen musste. Auch haben wir bei der Auswahl der Stereoanlagen für die Kinder darauf geachtet, dass man noch Kassetten hören kann. Und was war? Wir mussten ein extra Kabel besorgen, damit sie ihre Tablets anschließen konnten, um Musik zu hören. Und dann sahen wir diesen Lautsprecher, den man an Handys und Konsorten anschließen kann. Nun stehen die Anlagen nur noch da, um Blick und Staub zu fangen.
Das ist vollkommen in Ordnung. Ich höre meine Musik ebenfalls über meinen Kindle. Seit Neustem bietet Amazon Prime Musik an und ich kann kostenlos die Schlager der 70er hören, genauso wie den neusten Pop, Linkin Park, Reamonn, Sunrise Avenue, Klassik. Hallo? Der Wandel der Technik hat schon seine Vorteile. Und nur ich bin dafür verantwortlich, wie ich es nutze.

Das oben genannte Bild sollte ja eigentlich ein Aufruf an unsere Jugend sein. Es gibt noch sehr viel mehr dieser weitergelittenen grafischen Wiedergaben. Früher war  man draußen, bis es dunkel war. Geposted vom Handy um 17:23 mit dem angegebenen Ort: auf dem Sofa. Oder da gab es auch mal so ein Bild, die Kinder von heute könnten weder danke noch bitte sagen. Sie wären frech, sprächen nur noch in ihrer eigenen Sprache. Erinnert euch, ihr Jugend der 90er…wir haben das ganz genauso gemacht. Statt weltweitem und vor allem östlichen Diaklekt sprachen wir in allen deutschen Dialekten, die es gab…und Denglisch! Das war cool! Meine Eltern baten oft darum, ordentlich zu sprechen und so redeten wir nur noch mit unseren Freunden in der eigenen Sprache, kulturell gemischt. Wir waren auch Revoluzzer. Trafen uns an Bushaltestellen oder im Club.
Unsere Jugend ist gar nicht so schlecht. Schlecht ist nur, dank der Medienentwicklung erfahren wir viel mehr über soziale Brennpunkte. Das gab es früher auch schon überall. Wenn wir mal in die große Stadt fuhren, erlebten wir den Unterschied der Menschen.
Direkt vor unserem Haus gibt es den Treffpunkt der unter achtzehn Jährigen und damit Führerscheinlosen. Sie treffen sich im Frühjahr und bleiben dort bis zum Ende des Sommers. Gut, zumindest bis es dunkel wird. Man sind die laut. Die wagen es zu lachen und Spaß zu haben. Sie pumpen Wasser aus dem Brunnen und machen sich damit nass, dabei lachen die. Unglaublich, oder? Sie schauen sich um, rauchen heimlich ihre Zigaretten und trinken billigen Fusel. Ach du Schande! Und dann kommen sie auch noch auf ihren Rädern angefahren. Oder Inlinern. Sie spielen Fußball gegen die Kirchenmauer. Und jetzt kommts: das sind Teenager und die lassen meinen Elfjährigen mitspielen und achten darauf, ihn nicht zu hart zu foulen. Als ich es mal wagte zu erwähnen, dass es 22 Uhr sei und meine Kinder nicht schlafen können, sagten sie tatsächlich: „Entschuldigung“, feierten weiter und das auch noch leise! Unsere Jugend ist echt böse. Wir waren besser.

Waren wir das??? Waren wir besser, weil wir noch nicht die technische Entwicklung hatten? Saßen wir nicht auch bei schönem Wetter manchmal im Wohnzimmer und schauten fern; bis die Mama kam und uns rausschmiss. Spielten wir nicht Karten am Küchentisch, statt jeden Tag ins Schwimmbad zu radeln? Unsere Erinnerungen sagen uns, wir waren täglich im Freibad, ich bin mir sicher, wir hockten auch mal zu Hause, um der Hitze im Sommer und der Affenkälte im Winter zu entkommen.
Doch heute ist das anders: man muss sich schämen, weil man den Heranwachsenden erlaubt, auch bei schönem Wetter die Konsole anzuschalten. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, hier aber wird sich dort mal von allen Problemen in der Schule, mit Freunden, Eltern und Geschwistern ausgeklinkt. Nach einer halben Stunde oder vielleicht auch mal nach einer Stunde, wird das Gerät ausgeschaltet und rausgegangen. Sogar manchmal mit den Worten: „Bin ich total verfuckt? Draußen scheint die Sonne und ich Vollhonk assel Lego auf der Box.“ Nein, so reden meine Kinder wirklich nicht. Das war ein Versuch, mich in der Sprache der so unerzogenen Kinder auszudrücken. Oder das Geständnis, selbst unter Freunden die Worte „Vollhonk“ und „asseln“ zu benutzen.

Während draußen am Ende des Aprils der Schnee leise fällt und ich mir überlege, welche Plätzchen es zu Weihnachten gibt, schreibe ich diesen Beitrag und ihr fragt euch völlig zu Recht, was ich damit sagen will. Das ist ganz einfach: die Intelligenz mancher Menschen bewirkt die Weiterentwicklung unseres Lebens. Dazu gehören die technischen Geräte, die einem das Leben vereinfachen. Wenn wir alle ehrlich zueinander sind, möchte keiner mehr die Spülmaschine missen. Oder die Waschmaschine, oder gar manchmal das Auto, das uns schneller als schnell raus aus unserem Haus und rein ins Vergnügen bringt. Wir sind alle froh über die Erfindung der Flatrate, durch die man sich keine Gedanken mehr machen muss, wie teuer nun das Gespräch mit der Freundin sein wird. Am Ende des Monats kostet es immer gleich. Dabei habe ich dann auch noch das Internet genutzt, mehr als die üblichen Fernsehsender geschaut, meine Freunde über das Handy an meinem Leben teilhaben lassen.

Unsere Jugend kann doch gar nichts dafür, dass die Welt sich so entwickelt. Wir sehen und vor allem nutzen den Vorteil und der Nachwuchs wird mit solchen Bildern und auch Erzählungen gestraft? Was können meine Kinder dafür, dass wir nicht sagen können: „Ihr habt es besser, ihr musstet den Krieg nicht erleben“, so wie meine Großeltern das früher taten. Sie waren glücklich darüber. Ich bin glücklich, weil ich es nicht erleben musste und hoffe, meine Kinder müssen das auch nicht. Wir haben sie nun mal in einer Zeit in die Welt geboren, in der rasant und Schlag auf Schlag ständig neue Dinge auf den Markt kommen. Selbst wenn wir ihnen die alten Sachen wie Windows 98 zeigen wollten, ginge das gar nicht mehr. Alles Neue verträgt sich nicht immer mit dem Alten. Und ist das schlecht?
Nicht die Kinder sind Schuld daran, wie sie heute leben. Wir Erwachsenen tragen die Verantwortung, ihnen trotz Internet und Spielkonsolen zu zeigen, wie die Welt funktioniert. Wir zeigen ihnen, wie schön es im Sommer ist, länger draußen zu bleiben, obwohl am nächsten Tag Schule ist. Nur wir können ihnen beibringen, dass es kein schlechtes Wetter, sondern lediglich schlechte Kleidung gibt. Nur wir können entscheiden, ob sie mit neun Jahren der weggezogenen Freundin eine Email schreiben dürfen oder sie einen Brief schreiben, den sie selbst und stolz mit einer schönen Marke verzieren können und in den Kasten umme Ecke werfen dürfen – alleine…frei.

Und wer sind wir? Wir sind die Kinder der Kinder der Nachkriegszeit. Wir sind die ersten, die nicht mehr mit Schlägen ins Gesicht aufgewachsen sind. Wir wurden behütet und betüddelt. Wir wurden mit den Worten „Früher gab es kein Gymnasium, sei froh, dass du die Möglichkeit hast“, dazu gezwungen, heute eine Leistungsgesellschaft zu sein. Wir sind diejenigen, die unseren Kindern nicht mehr erlauben nach neun Jahren Schule abzugehen, um einen Handwerksberuf zu erlernen. Denn wir wollen, dass unsere Kinder es noch besser haben, als wir es gehabt haben. Wir sind die, die nicht zugeben können, schon in der Grundschulzeit zu wissen, dass das Kind über die Realschule nicht hinaus kommen wird.
Die Jugend von heute sei aggressiv. Ich kann dazu nur sagen, hier werden auch zwei Halbwüchsige aggressiv, wenn ich von ihnen etwas fordere, was sie nicht bewerkstelligen können oder wollen. Oder besser gesagt: ich dränge ihnen viel zu oft meine Meinung von richtig auf. „Es ist richtig, deine Hausaufgaben sofort nach dem Essen zu erledigen“ und schon habe ich eine Zickmamsell, die von 14.30 Uhr bis 18 Uhr an ihrem Schreibtisch sitzt und motzt. Überlasse ich ihr die Entscheidung, dann sind die Aufgaben in Nullkommanichts und auch noch fehlerfrei erledigt. Und warum befehle ich ihr immer wieder die Hausaufgaben direkt nach dem Essen zu erledigen? Weil ich mich selbst von dieser Gesellschaft, in der nur Leistung zählt beeinflussen lasse – und das, obwohl ich es überhaupt und so ganz und gar nicht möchte! Ich bin noch nicht mal so erzogen worden. Laut meiner Erziehung müsste ich aufstehen, auf den Tisch hauen und sagen: „Ihr könnt mich alle mal da küssen, wo die Sonne nicht scheint.“ In meiner Jugend hätte ich Dank den Fantastischen Vieren gesagt: „F*ck dich selber, hey leck mich“. Heute erwarte ich ob meines Alters selbst von mir, das Wort mit F mit einem Sternchen zu versehen und nutze lieber die Worte von Justin Bieber: „Oh baby, you should go and love yourself.“ Was das Gleiche, in diesem Falle sogar das Selbe, bedeutet, nur netter verpackt ist. Ihr seht und ich bemerke: ich gehörte einst auch einer Jugend an. Und was ist aus mir geworden? Na, ich bin aus mir geworden…durch Vorbilder, Erfahrungen und Entscheidungen, die ich meist selbst treffen durfte.

In diesem Sinne:


Schiebt es nicht auf die Kinder, schaut mal selbst, was ihr dazu beigetragen habt

Gehabt euch wohl!

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3 Responses to Mit dem Handy geposted
Oder: Von der Schlechtigkeit der heutigen Jugend

  1. Hallo liebe Kathrin,

    vielen lieben Dank für Dein so liebes Kommentar auf meinem Blog :-) (hab dir dort geantwortet)

    Hab dich hier gefunden :-)

    Das Thema Handy und überall erreichbar sein, ist heutzutage eigtl fast ganz normal.
    Manchmal ist so ein Handy dein Retter in der Not aber auch manchmal die größte Nervensäge !
    Ich hatte schon Tage, da hab ich es ausgemacht – sofern ich wusste, wo meine Familie sich befindet –

    Meine Kids haben jeweils auch ein Handy. Sie bekamen ab der 5. Klasse eines. Aus dem einfachsten Grund.. – Erreichbarkeit –
    Am Bahnhof keine Telefonzelle! Zug verpasst – Mama sollte es wissen –

    Naja und nun wachsen sie damit auf. Whatsapp, Spiele… fast eine Sucht!

    Aber ICH hab es ihnen ja ermöglicht ! Darüber denken die wenigsten Eltern nach.
    Jedoch gehen wir mit der Zeit. Kauf ich meinem Kind kein Handy, gilt es in der Schule als Außenseiter <– will man das ? Nein.
    Wir gehen also mit dem Strom…..

    ganz doll liebe Grüße
    Melle von Seelentief

    • KaddieKaddie says:

      ;) Du hast mich verstanden. Mir geht es ja darum, dass wir mit der Zeit gehen sollen.

      Der Große hat auch ein Handy seit der 5., die Kleine bekommt dann im nächsten Jahr eins. Und man kann es nicht verbieten – will ich gar nicht.

      Liebe Grüße

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