#Feingeist –
Die Zeit

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Seit Wochen versuche ich einen Beitrag mit dem Titel „Zeitfresser“ zu schreiben. Ich wollte darüber berichten, wie schnell eine Stunde vergeht, wenn man nur kurz im Internet schauen möchte oder wie sehr man unter Zeitdruck gerät, wenn man liebe Grüße über das Handy versendet. Telefon, Fernseh, wieder wollte ich die Medien dafür verantwortlich machen, dass ich hier manchmal in Sachen Organisation vollends im Chaos lande.

Der „Zeitfresser“ sollte auch mein nächster #Feingeist werden. Das Thema beschäftigte mich so sehr, dass ich keine anderen Gedanken an meine Blogplanung zulassen konnte. Deswegen gab es nix dazu in den vergangenen Wochen. Ebenso deswegen breche ich meine eigene Regel und gebe den Beitrag heute und nicht am Freitag frei. Es ist mir nämlich eine Herzensangelegenheit, diesen plötzlichen Impuls zu veröffentlichen.
In der Tat habe ich sechs Beiträge zu dem Thema geschrieben, die alles andere als Begeisterung in mir hervorriefen. Eine Nacht träumte ich sogar von DER Idee, als ich sie aufschreiben wollte, war mein Kopf leer.
Vor zwei Wochen saß ich hier an meinem Schreibtisch. Rechts der Kaffee, links die Salzbrezel mit nem Dippe Kräuterquark. Ohne nochmal zu lesen, löschte ich alle sechs Beiträge. Normalerweise verschiebe ich die Sachen, die mich nicht zufrieden stellen, in den Papierkorb oder speichere sie zumindest irgendwo auf der Festplatte. Doch der „Zeitfresser“ landete im Nirgendwo der Datenautobahn. Ein paar Tage gingen ins Land und ich beobachtete mich und mein Leben. Und dann fiel es mir auf, es fiel mir wie Schuppen aus den Haaren und Dachziegel vom Dach bei Sturm: nicht die Dinge, die ich mache, fressen meine Zeit. Die Zeit selbst frisst mich und ich fresse sie! Mit jedem Blick auf die Uhr bin ich gedanklich schon die Stunde weiter, die mein täglicher Grundhaushalt benötigt. Um neun Uhr ist schon zehn Uhr, weil ich bis dahin meine Gitarrentasche endlich fertig genäht haben möchte oder die Karte für die Freundin gemalt sein soll. Ich sage nie, es ist zehn nach zwei, für mich ist dann schon halb drei. Und da wundert sich meine Person darüber, wie eine, Stunde, ein Tag, eine Woche, ein Jahr, ein Leben so schnell vorbei gehen kann?

Egal was ich mache, ich weiß immer, wie lange ich dafür brauche. Und so plane ich auch meinen Tag. Zwanzig Minuten für die obere Etage, zehn Minuten für unten – damit meine ich, Betten aufschlagen, lüften, Wäsche und Kram wegräumen. Mache ich die Toiletten ordentlich, brauche ich nochmal fünfzehn Minuten länger. Wiener ich das Gästeklo, wische grob das Kinderbad und ignoriere die elterliche Toilette, dann sind es schon mal fünf Minuten weniger. Spülmaschine ausräumen dauert zwei Minuten und dreiundvierzig Sekunden, Wäsche in den Keller bringen: drei Minuten. Hof kehren, eine halbe Stunde…so denke ich und dann bin ich beim Mittagessen vorbereiten angelangt, obwohl es grade mal halb acht ist. Möchte ich bei diesem herrlichen Wetter einfach mal hinten im Garten die Sonne und einen zusätzlichen Milchkaffee genießen, schaue ich auf mein wirklich kleines Beet und überlege, wie lange es braucht, bis ich das Unkraut entfernt habe. Oder ich frage mich, um wieviel Uhr ich den Tisch lasiere, denn er sieht nicht mehr schön aus. Also setze ich mich in mein Wohnzimmer an den großen Esstisch; ich will meinen Kaffee in Ruhe genießen. Natürlich finde ich auch da gesponnene Netze der kleine Arachnen und plane die Spanne, die ich mit dem Staubsauger durchs Haus laufe. Ein weiterer Platzwechsel für die Ruhepause folgt nicht, denn ich habe zwei neue Baustellen, die ich  in meinen Tag einbringen muss. In meinem Hinterkopf behalte ich immer den Gedanken an meine Kaddie-Zeit, die nur für mich ist – und dann ist es abends halb neun, die Kinder schlafen, der Holde geht seinem Tun nach und Kathrin sitzt endlich im Nähzimmer und fragt sich: „Was habe ich heute eigentlich den ganzen Tag gemacht?“ Statt nun wirklich die Gitarrentasche zu nähen, räumt sie Stoffe aus dem Regal, bügelt und faltet sie ordentlich, putzt vielleicht mal schnell die Fenstergläser. Das dauert alles nur ne Stunde, morgen ist auch noch ein Tag. Morgen kann ich endlich die Tasche fertig nähen…bekanntlich kommt der Morgen nie und das Murmeltier grüßt dafür täglich. So liegt das Gitarrenkleid tatsächlich seit Januar im Nähzimmer und wäre verstaubt, wenn ich es nicht wenigstens ab und zu mal in die Hand nehmen würde, um Nadeln umzustecken.

Und genau: seit dieses Jahr, in dem doch alles anders werden sollte, angefangen hat, komme ich nicht wirklich mit der Organisation zurecht. Wie gesagt: in den letzten Wochen fiel mir auf, wie sehr ich Organisation mit Zeitplanung verwechsel. Das mag für viele zusammen gehören, für mich sind das grundverschiedene Dinge. Ich organisiere nicht meine Zeit, genausowenig sollte mich meine Zeit organisieren. Mein gesamtes Tun hat irgendwie ein Muss, aber in der Regel keinen Termin. In Termine einhalten bin ich gut! Da klappt das dann auch mit den Grunddingen in meinem Leben – ich gehe nie aus dem Haus, ohne dass hier aufgeräumt oder gesaugt ist. Habe ich einen Termin morgens um sieben, ist alles gemacht so wie sonst um halb neun. Ohne dass ich groß nachdenke. Nur dass ich um zehn vor sieben los muss, ist in meinem Kopf. Der Rest kommt von allein. Ja? Warum geht das nicht, wenn ich keine Termine habe? Warum schaue ich alle fünf Minuten auf die Uhr um zu sehen, ob ich den Plan einhalten kann? Warum setze ich mir überhaupt Zeiten. Ist es nicht egal, ob ich erst die Stunde meine Blogrunde mache und dann die Betten? Stört es meine Freundin, die gerne mal um neun kurz vorbeikommt, wenn da noch Krümel unterm Küchentisch liegen? Saugen kann ich doch auch, während ich das Nudelwasser zum Kochen bringe. Wenn ich mal einen kleinen Nähauftrag habe, kann ich den nicht morgens gleich um zwanzig nach sieben wegnähen, statt mir dafür elf Uhr als Ziel zu setzen? Was passiert, wenn ich nochmal alles auftrennen muss und nicht pünktlich um zwölf fertig bin? Ist es sinnvoll, mich mit dem Gedanken an den PC zu setzten, ich schreibe jetzt bis zehn nach zehn? Stört es mich wirklich, wenn im Raum zweimal um die Ecke die schmutzigen Socken noch quer durchs Zimmer fliegen? Weder rieche noch sehe ich sie hier an meinem Fensterplatz. Muss ich wirklich meinen Plan vollenden, mein Leben nach einem Job zu richten, den ich noch gar nicht habe? Wenn ich wieder arbeiten gehe, dann klappt das schon – genauso wie mit dem Termin morgens um sieben.

Es gibt ein paar Sachen, bei denen es von Vorteil ist, wenn man genau weiß, wieviel Zeit etwas braucht. Bis der Kaffeeautomat sich gespült hat und der große Milchkaffee trinkfertig ist, habe ich die Spülmaschine ausgeräumt. So warte ich nicht mit dem Kopf zum Rhythmus des Milchschäumers nickend und sinnlos in der Gegend rum, bis ich mein Käffchen genießen kann. Mit der Uhr im Blick, denn Kaffee trinken dauert zehn Minuten…
Oder den Keller kann ich sauber machen, während die Maschine wäscht. Dann spare ich mir einen Weg die steile Steintreppe hoch. Der Einkauf dauert genauso lange wie das Fußballtraining. Die Kinder haben ihre regelmäßigen Termine, da muss ich nicht extra in die nächste Stadt fahren, um etwas zu erledigen. Da steckt auch eine Logik hinter.

Nun versuche ich im Moment, dem Zeitmesser in meinem Leben so wie wenig Platz wie möglich zu geben. Das gestaltet sich ehrlich gesagt als äußerst schwierig. Meine Armbanduhr ist nicht nur mein zeitliches Druckmittel oder auch mein Schmuck fürs Handgelenk: Zeit ist für mich schon immer wichtig. Und ich meine die gute Zeit, die freie Zeit, die Zeit, die mir liebe Menschen schenken, indem sie diese mit mir verbringen. Sie hat ihre Priorität im Leben, die Zeit. Denn irgendwann ist sie abgelaufen. Aber nicht heute Mittag um zwölf – hoffe ich zumindest ;) .
Ich habe Zeit, ich nehme mir Zeit. Das kann ich aber nur, wenn sie mir nicht immer wie ein nervender Pickel im Nacken sitzt. Tatsächlich kommen mir meine Tage bereits länger vor. Da ist kein TickTack, das mich ständig an meine Aufgaben erinnert. Trotzdem erledige ich meine Aufgaben zeitgerecht. Seit ich meine Uhr quasi abgelegt habe, bin ich am Abend gar nicht mehr so müde, obwohl sich mein Tagesablauf nicht wirklich geändert hat. Aber mein Kopf ist freier, mein Körper leichter. Der Druck ist weg.
Ich habe Pläne. Kurz- und langfristige. Durch das letzte Jahr musste ich einiges verschieben. Mir ist aufgefallen, dass sich deswegen nicht mein konkreter Lebensplan verändert, eben nur verzögert. Ich habe das verstanden, verstehen müssen. Jedoch erst jetzt so langsam kapiere ich es auch. Es gibt das Leben, das ich führe, dazu das Leben, das ich in Zukunft führen möchte. Gleichermaßen gibt es unerwartete Situationen, die mir ja seit Jahren einen Strich durch die Rechnung machen. Und obwohl nun viel Zeit vergangen ist, in der ich nicht das machen konnte, was ich wollte, lebe ich – und das gut. Ich muss mir also keine Zeit nehmen, indem ich sie verplane. Ich muss lediglich aufhören, die Zeit auf die Uhr zu reduzieren. Sie mag zwar für jeden einzelnen endlich sein, doch in der Grundidee geht sie bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter.

In diesem Sinne:

Nehmt euch die Zeit, Zeit zu haben

Gehabt euch wohl!

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