#Feingeist |
Take me to church

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Ok, der Titel ist mal ein ohrwurmlastiges Lied, welches mir beim Schreiben durch den Kopf ging. Keins meiner Lieblingsworte…und wieder ist nicht Freitag, aber jeder Tag hat irgendwie seinen #Feingeist.

Anläßlich eines silbernen Konfirmationsgottesdienstes ließ ich mich am Sonntag ausnahmsweise und außerweihnachtlich in der Kirche blicken. Blieb mir auch nichts anders übrig, der Anlaß galt auch mir.
Bereits am Abend vorher traf ich bei leckerem Essen auf Menschen, die ich garantiert seit fünfundzwanzig Jahren nicht gesehen habe. Wenn ich zurück denke, wie alt mir meine eigenen Eltern an ihrem silbernen Kirchenjubiläum vorkamen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, da ich selbst zu dem Zeitpunkt fast die Zwanzig erreicht hatte. Jedenfalls weiß ich noch genau, wie alt mir meine Eltern mit knapp vierzig vorkamen, obwohl sie als Eltern dreier Beinahe-Twens recht jung waren.
Samstag Abend betraten lauter Menschen den Raum, von denen ich behaupten möchte, sich wenig verändert zu haben. Äußerlich sind vielleicht ein paar Haare weniger da oder ein paar Haare mehr grau, jedoch blickte ich noch in die selben Gesichter  wie in 1991. Damit ich nicht ganz doof dastehe: mich hat man auch sofort erkannt. Was vielleicht nicht das Selbe bedeutet, mir aber gleich ist, da ich heute hübscher bin als damals. Ehrlich jetzt! Schaut ihr manchmal Bilder von früher an und fragt euch, wie eure Eltern euch so rumlaufen lassen konnten? Meine Mutter erinnerte mich an die vielen Streitereien, als ich zum Kircheneintritt die damals begehrte Dauerwelle haben wollte – mit Haaren, die grade mal in der Länge das Ohrläppchen erreichten.

Wir verbrachten einen schönen Abend mit unendlich vielen Erinnerungen, gutem Essen und leckerer Rhabarber-Saft-Schorle. Und wieder einmal wurde mir bewusst, dass eine Erinnerung viele Wahrheiten mit sich trägt. Jeder Mensch hat seinen eigenen Blick auf die Vergangenheit. Manche reden vom Schönen, andere reden es sich schön. Ich war gleichermaßen erstaunt als auch erfreut, wie über mich von Früher geredet wurde. Nun muss ich dazu sagen, wir waren zwar ein Konfirmandenjahrgang, doch in der Schule war ich einen Jahrgang darunter. Ich erwies der siebten Klasse die Ehre, gleich zwei Mal meine Runden in ihr zu drehen. Demnach hatte ich andere Freunde, einen anderen Werdegang.
Es waren wenige, dafür lustige Stunden. Kein Scherz jagte den selben. Jedoch wurde jede Minute von ihrer selbigen gejagt und die Zeit verflog viel zu schnell.

Am Sonntag ging es dann zum Gottesdienst. Nun bin ich nicht das, was man unter einem Kirchgänger versteht. Das liegt allerdings eher an dem Pfarrer hier. Der Pfarrer meiner Heimatgemeinde ist genauso toll, wie er es vor einem viertel Jahrhundert war. Zeitgemäße Predigt, ohne ständig den lieben Gott zu erwähnen. Natürlich geht man für und mit Gott in die Kirche, doch da habe ich eine gespaltene Meinung zu. Es gibt jemanden, der uns beschützt, führt und auf die Probe stellt. Ich nenne ihn auch Gott. Aber für mich ist es nicht so, wie die Kirche es uns vermitteln möchte…
Eine zeitgemäße Predigt bedeutete am Sonntag auch, mir bewusst zu werden, wie sehr die Zeit an mir schon vorüber gegangen ist. Der Pfarrer sprach in lustiger Weise darüber, wie lang unser Weg nun war. Weniger lustig empfand ich die Tatsache, dass wir uns seiner Meinung nach am Ende des Trubels befinden und unser Leben mit vierzig gefestigt sein und damit ruhiger sein wird. Alles geebnet, alles entschieden. Hmmm…da wurde mir dann tatsächlich bewusst, wie wenig Zeit mir noch zu bleiben scheint.

Nach der Kirche und nach den Bildern gingen wir nochmal zusammen essen. Plötzlich saßen keine alten Bekannten von Früher an einem Tisch, sondern Freunde, die ein wirklich schönes Wochenende zusammen verbracht haben. Auch dies ging zu Ende und wir verabschiedeten uns in der Hoffnung, zum goldenen Jubiläum alle gesund und munter wieder zu kommen. Wenn man bedenkt, dass uns einige Altersgenossen bereits verlassen haben, dann ist es nicht selbstverständlich.

Der Holde war mit den Kindern bereits nach der Kirche abgehauen weggefahren, meine Eltern fuhren weiter zur goldenen Hochzeit meines Onkels. Manchmal erstaunlich, wie sich Termine absprechen, denn mein anderer Onkel hatte an diesem Tag auch noch seinen Gottesdienst zur goldenen Konfirmation.
Also während alle irgendwohin ausgeflohen waren, beschloss ich, mich in den Garten meiner Eltern zu setzen, um mich mit der herrlichen Sonne zu besinnen. So saß ich da und dachte nach. Die Predigt wollte mich einfach nicht loslassen. Wer bin ich? Was bin ich? Wo bin ich? Ich fragte mich nicht, warum ich bin. Habe selbst zwei Kinder und weiß, wie das funktioniert. Nein! Genau diese Frage stellte ich mir. Warum bin ich? Worin besteht mein Sinn? Natürlich habe ich in der Stunde, die ich allein im Garten verbrachte, keine Antwort darauf finden können. Nur eins wurde mir bewusst: der Pfarrer hat Recht! Am Ende diesen Jahres runde ich mich zum vierten Male. Habe ich erreicht, was ich erreichen wollte? Was waren meine Wünsche und Träume vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren? Hatte ich überhaupt Ziele?

Mein größter Wunsch war: alt zu werden. Mit neunzehn setzte ich mir allerdings das Ziel, meinen dreißigsten Geburtstag nicht mehr feiern zu müssen. Habe ich auch nicht…ich wartete vor zehn Jahren ungeduldig auf mein Töchterlein, die meinem Wunsch zufolge, kein Dezemberkind werden sollte. Ihr Wunsch war da anders.
Beruflich wollte ich hoch hinaus. Medizin studieren oder Pharmazie. Selbst in meiner Ausbildung zur Altenpflegerin war ich mir sicher, irgendwann Pathologin zu werden – bis zu dem Tag, an dem wir eine Niere sezierten und unsere Anatomie-Dozentin beschloss, nicht mit uns in die Pathologie zu fahren. Ich und ein paar andere fielen einfach um. Toll, gell?
Ich wollte nie heiraten, Kinder wären dennoch nett gewesen, waren aber nie ein Muss. Mit Mitte zwanzig traf ich den Holden und mir blieb gar nichts anderes übrig, als mit ihm gemeinsam den Weg zu gehen – wenn se kommt, dann isse da, die Liebe. Tja, dann kamen halt die Kinder. Plan verreckt, wie ich früher zu sagen pflegte…

Nein! Ganz klar Nein! In meiner Kindheit nannte mein Vater mich stets „Träumerle“. Und ja, ich stehe dazu. Ich lebe jetzt nicht in einer Welt, in der ich nur träumen kann. Im Grunde genommen bin ich Realist. Doch ich habe Träume, die ich gerne verwirklichen würde, sie aber nie zu einem wirklichen Ziel gemacht habe. Wäre mein Ziel tatsächlich gewesen, Medizinerin zu werden, dann hätte ich mir mein Poppöchen dafür aufgerissen. Habe ich nämlich ein Ziel, dann erreiche ich es auch. Allerdings habe ich kein Lebensziel – naja, außer eben alt zu werden und das dann auch noch glücklich mit Mann, Kindern, Enkel, Urenkel, Ur-Urenkel, und so weiter und sofort.

Es gibt da so einen Traum, der verfolgt mich am Tage und auch in der Nacht. Ich sitze auf einer kleinen Bühne und lese aus meinen eigenen Büchern. Nebenbei scherze ich über das Leben wie ein StehAuf-Komödiant. Manchmal spiele ich auch Gitarre und singe eigens geschriebene Lieder. Nun ist es aber so, dass ich noch niemals nicht ein Buch fertig geschrieben habe, demnach ist der Traum von eigenen Lesungen eher ein Fernziel – Timbuktu würde ich sagen…oder Mond, der ja im Prinzip besucht werden könnte. Zwei Lieder habe ich allerdings bereits mit sechzehn geschrieben, an dem Ziel könnte ich nochmal arbeiten. „Es ist Nacht und der Mond scheint, ich bin wie immer allein.“ Wer will das denn hören?

Wie oben geschrieben, bin ich ein träumender Realist. Und ein realistisches Ziel habe ich seit ein paar Jahren vor Augen. Da ich nicht in die Altenpflege zurück möchte, aber unheimlich von Wunden fasziniert bin, zu deren Genesung ich persönlich etwas zusteuern kann, befinde ich mich kurz davor, den Weg zum Ziel Wundmangement zu starten. Im Gegensatz zu einer Schweineniere, haben mich offene Beine, Rücken und gar Herzen noch nie umfallen lassen. Das ist nun etwas ganz anderes, als ich je selbst geträumt habe. Allerdings habe ich die Freude über heilende Wunden bereits mehrmals und freudig miterlebt. Dafür muss ich nochmal die Schulbank drücken. Und wenn nicht jetzt, wann dann?
Der Unmut, den ich während der Predigt verspürte, hat sich mittlerweile aufgelöst. Der Pfarrer hatte einfach nur Recht. Man kann jederzeit sein Leben ändern. Mit zwanzig, vierzig und gar noch mit sechzig. Es kommt jetzt Ruhe in mein Leben. Die Kinder sind werden groß, während ich schon kleiner werde. Einen Zentimeter müsste ich in meinem Ausweis weniger angeben.
So hatte nicht nur das Wiedertreffen alter Gesichter seine Vorzüge, auch der Gang in die Kirche ereilte mich positiv. Und da ich die Unterlagen bereits seit zwei Jahren hier liegen habe, muss ich mich nicht mal groß auf eine Bewerbung vorbereiten. Hat was für sich.

Witzig! Als ich über den Beitrag heute beim Aufräumen nachdachte, wollte ich etwas ganz anderes schreiben. Nämlich dass am Sonntag die musikalische Darbietung eines hessischen Senders mir ebenfalls bewusst gemacht hat, nicht mehr neunzehn zu sein. Momentan sind hier nämlich 90er Partys ganz groß im Kommen. Zu meiner Zeit waren es die 70er, wir tanzten zur Musik unserer alten Eltern. Jetzt singt meine Mamsell „I’m a Barbie Girl in a Barbie World“ und fragt sich und mich, ob die Welt damals noch schwarz und weiß war.

In diesem Sinne:

Träume dein Leben und lebe dein Ziel.
Vielleicht nicht für jeden verständlich, mir kam das grade in den Kopf.

Gehabt euch wohl!

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One Response to #Feingeist |
Take me to church

  1. Ich finde auch, dass HEUTE der Tag ist, an dem man sich ändern kann. Immer HEUTE. Nicht nur sich ändern sondern seinen Lebensweg neu ordnen.
    In der Tat finden wirklich überall die 90er Partys statt. Lustig, wie sich so alles wiederholt!
    Wobei mir persönlich die Musik nicht ganz so gefällt. Ich höre lieber 80er und Deutsch-Punk-Rock, Rock. Ist halt Geschmackssache.
    Finde es trotzdem lustig. Meine große ist jetzt 13 und manchmal ertönen aus ihrem Zimmer Melodien aus dem Zeitalter meiner Jugend.

    Welchen Traum auch immer Du verwirklichen möchtest – ich wünsche Dir dabei viel Erfolg und bin mir sicher DU SCHAFFST DAS !
    HEUTE ist der Tag an dem alles möglich ist :-)

    – Wer nicht mehr träumt, hat aufgehört zu Leben –

    Knuddel Dich ganz fest
    Melle von Seelentief

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