#Feingeist |
Umbruch

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Ich schreibe jetzt nicht, dass hier lange nichts mehr passiert ist. Denn erstens ist der Blog eins meiner Hobbys und ich widme ihm Zeit, wenn ich sie habe und zweitens ist hier eigentlich eine Menge passiert.
Zum Einen hat der Holde sich beruflich umorientiert, was im Gesamtbild des Familienalltags erstmal neu gemalt werden muss. Und dann bekam ich eine Absage für den Kurs Wundmanagement. Naja, ich war einfach zu spät. Der Kurs findet jährlich im August statt, da bewirbt man sich am besten im April des vorausgehenden Jahres. Für einen kurzen Moment war ich sehr traurig, Absagen tun generell weh. Aber unterkriegen lassen? Dafür war mein Weg die letzten Jahre doch zu holprig…

Mein Vater sagte an meinem vorletzten Geburtstag: „Die zwei Jahre vor der großen Vierzig waren die härtesten meines Lebens.“ So ganz verstand ich das nicht, denn bisher wurde ich zwar jährlich älter, fühlte es aber nicht. Naja, klar bemerkte ich ein paar Dinge. Die Aufnahmefähigkeit nimmt ab. Man lernt langsamer, muss sich selbst bei kleinen Dingen hinsetzen und sich Zeit nehmen. Zum Beispiel hätte ich mir nie erträumt, in Sachen Technik mal eine Anleitung lesen und vor Allem verstehen zu müssen. Brauchte ich nie, konnte ich  immer problemlos bewerkstelligen. Ob Computer, Handy, Fernseh oder ein Regal zusammen zu bauen, das nicht aus Schweden kommt. Kathrin brauchte keine Anleitung – die junge Kathrin zumindest. Heute steh ich da wie der Ochs vorm Berg und wusel mich durch Bilder, die meine Augen zwar gut sehen, aber mein Gehirn nicht verarbeiten kann. Vor ein paar Wochen musste ich tatsächlich die Anleitung meiner Stickmaschine rauskramen, weil ich nicht mehr wusste, wie man sie richtig einfädelt. Ja! War halt so! Dieses Erlebnis brachte mich quasi dazu, meinem Hirn mehr Arbeit zu geben, indem ich die Schulbank nochmal für ein paar Wochen drücken wollte.
Man verdummt einfach, ob man will oder nicht. Da lese ich mittlerweile wieder ein Buch nach dem anderen, suche mir ständig neue Aufgaben, damit ich erneut lerne zu lernen, halte mich in Allem auf dem neusten Stand – und trotzdem bin ich brainfucked. Ich vergesse immer häufiger, was es gestern zum Essen gab, lasse meine Einkaufsliste zu Hause liegen und komme mit Sachen zurück, die definitiv nicht darauf standen. Ich bekomme Panik, wenn meine Tochter nicht um zwanzig nach zwölf die Tür aufreißt – mir entfällt eben sogar, dass sie mittlerweile meist um halb zwei nach Hause kommt. Dafür kommen mehr und mehr Erinnerungen aus meiner Vergangenheit – aus der langen Vergangenheit. Ich erinnere mich daran, als ich den guten Füller meines Vater kaputt gemacht habe. Da war ich drei Jahre alt. Oder mein erster Schultag ist mir präsenter denn je.
In der Tat überkam mich die Angst, ich könnte bereits dement werden – oder schlimmer noch: ich könnte an Alzheimer leiden. Nein, ich mache mich darüber nicht lustig! Das ist mein voller Ernst.

Nun habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, man sollte immer mal bei gleichaltrigen Menschen solch ein Problem ansprechen. Das habe ich auch beim Frühstück mit den Freundinnen getan, sie sind beide ein bisschen älter als ich. Und beide lachten mich aus. Wirklich! Sie saßen da mit ihrem Brötchen, verschluckten sich beinahe daran und lachten mich aus. Fies! Mit vollem Munde sprachen sie gleichzeitig aus selbigem: „Unser Küken wird alt. Willkommen im Club der Vierzigen!“ Ich so: „Öhm, da bleibt mir noch ein ganzes halbes Jahr.“ Uns so erzählten sie mir abwechselnd von ihren Erfahrungen, ihren Tränen, ihren Ängsten – sie waren meinen erschreckend gleich.

Ich wollte das einfach so hinnehmen. Wenn ich eins nicht ändern kann, dann ist es das Leben an sich. Jung bleiben kann ich nicht für immer, alt werden sehe ich eigentlich als sehr positiv, wenn ich es denn werden darf. So fing ich an, meinem Hirn noch mehr Aufgaben zu geben. Kreuzworträtsel sind gut dafür, ein Sachbuch lesen ist Gold wert. Statt den Einkaufszettel zu vergessen, schrieb ich gar keinen mehr. Eher versuchte ich einen Weg zu finden, mir merken zu können, was ich brauche. Es wird! Grundsätzlich vergesse ich aber das Toilettenpapier. Das war mir aber in der Jugend schon immer peinlich zu kaufen, mein Hirn hat es nie aufgenommen.
So nach und nach bemerkte ich Änderungen an mir. Statt im Internet immer wieder die gleichen Klamotten zu bestellen, fing ich an, shoppen zu gehen. Sogar Beratungen machen mir nichts aus und der Satz: „Schauen sie doch mal da hinten, da ist die Abteilung für die reifere Frau“, zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht, statt mich darüber zu ärgern. Das bin ich nun mal. Eine reifereFrau. Und es klingt irgenwie sehr, sehr positiv.
In der altersentsprechenden Abteilung musste ich dann wieder lächeln. Da gibt es gar keine Faltenröcke und weiße Kragenblüsken. Huch!!! Das ist ja alles so ganz nach meinem Geschmack. Innerliches Frohlocken, äußerliches Aufjauchzen. Tatsächlich musste ich mich zurückhalten nicht wie ein kleines Mädchen in die Hände zu klatschen. So kaufte ich ein. Zu meiner Glückseligkeit, zum Nachteil unseres Kontos. Zu Hause sortierte ich aus. Zwar schmiss ich nichts weg, aber vor Allem die einfarbigen Sachen verließen meinen Schrank und machten Platz für Neues, Buntes.

Seit ich mir mit zwölf Jahren die Haare abschneiden lassen durfte, ergab sich ein immer wiederkehrendes Muster meiner Frisörgänge. Haare ab, Kaddie glücklich. Haare schulterlang, Kaddie wieder glücklich, weil sie endlich ihre Matte wieder hoch stecken konnte. Neue Spängelchen, Reifen, Tücher und Haargummis gekauft. „Ich sehe scheiße aus!“ Termin beim Frisör, Haare ab…das war eine jahrelange Endlosschleife, selbst meine Frisörin konnte mich nicht dazu bewegen, wenigstens zwischendurch mal einen Schnitt reinzubringen. Immer wieder von einem Extrem ins andere.
Vor vier Wochen war es wieder soweit. Ich kaufte Haaraccessoires noch und nöcher. Klämmchen hier, Reifchen da. Sogar zwei neue Haarbürsten nur für mich allein – und Trockenshampoo. Das verbinde ich immer mit alten Menschen, die sich nicht mehr die Haare so gut waschen können bzw. das nur vom Frisör machen lassen. Allerdings habe ich mal im Fernseh gesehen, dass man damit schlaffes Haar in Form bringen kann. Und wenn man es richtig anwendet, sieht man sogar gut damit aus. Und weiterhin habe ich noch nicht einmal daran gedacht, zum Frisör zu gehen. Erstmal den Übergang hinbekommen. Das ist Neuland für mich!
So, nun habe ich folgendes vor mir hergeschoben, aber ich schreibe es jetzt einfach, weil die Überleitung passt. Ich fühle mich so schön wie noch nie zuvor in meinem Leben. Nun meine ich nicht schön im Sinne von Model. Weder habe ich dazu die Figur, noch das Gesicht. Doch ich schaue in den Spiegel und kann mich tatsächlich anlächeln. Zugegeben: ganz früh morgens streck ich mir die Zunge raus, da seh ich faltig und zerknautscht aus. Doch bisschen Wasser, bisschen Creme für die reifere Frau und schwuppeldiwupp…da steht jemand ganz anderes! Weiterhin ohne Make-Up und Schminke – sollte beides das Selbe sein, entschuldige ich mich dafür. Ich kenne mich damit nicht aus.

Irgendwie bin ich nun vom Thema abgekommen. Es gibt Dinge, die ändern sich nie. „Gute Arbeit, Kathrin, aber leider am Thema vorbei!“ Mein Deutschlehrer würde sich kaputt lachen.
Jedenfalls wollte ich mich ja nach der Absage für das Wundmanagement nicht unterkriegen lassen. Doch neben den äußerlichen Veränderungen und der Akzeptanz nun einfach nicht mehr zu den jungen Frauen zu gehören hat sich innerlich auch einiges getan. Ich muss einfach raus hier aus dem Mamaalltag. Eben weil ich verdumme! Mittlerweile kann ich mich nun auch nicht mehr mit Schwangerschafts- oder Stilldemenz rausreden. Dafür sind die Kinder schon zu lange abgestillt.
Nachdem ich nun zwölf Jahre Leiterin eines mittelgroßen Familienunternehmens bin, habe ich keine Ansprüche, wie sich mein berufliches Leben wieder aufnehmen lassen kann. (Komischer Satz!). So stöberte ich in der Jobböre und bin auf einige interessante Angebote gestoßen. Darunter sind viele „Handlangerjobs“. Und ich fühle mich beim Gedanken daran nicht minderwertig, nicht dämlich. Auch nicht überqualifiziert. Im Gegenteil: ich mag ja nun die Vierzig so gut wie erreicht haben, doch mich wie vor meiner Ausbildung nochmal ausprobieren zu können, klingt sehr verlockend. Vielleicht habe ich einfach keinen Bock mehr, zu organisieren, Arbeiten aufzuteilen, zu kontrollieren, dass alles gemacht wurde. Und ich rede nicht von meiner Arbeit früher. Sondern lediglich von meinen letzten Jahren, in denen ich versuchte, meine Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen. Das klappt mal, dann wieder nicht. Und hier liegt der Hund begraben. Bleib ich weiterhin zu Hause verdumme ich nicht nur, ich lass auch zu, dass meine zwei Großen auf meinem Kopfe SambaSamba tanzen. Dem blicke ich ängstlich entgegen. Und damit ich meinen Kindern auch das Vertrauen entgegen bringe, dass sie alt und selbständig genug sind, um vielleicht morgens auch mal allein aus dem Haus zu gehen oder sich mit einer Schnitte Brot Mittags zufrieden geben, nur dafür muss ich etwas ändern. Nämlich meine Einstellung, die Kinder brauchen mich doch vierundzwanzig Stunden am Vormittag ;)

Aber für die Kinder durchlebe ich den Umbruch nicht. Ich durchlebe ihn durch die Kinder, ganz allein für mich.
Wer hätte das gedacht? Jahrelang rede ich mich heraus, nicht zu wissen, was ich arbeiten möchte. Ich habe mich auch wirklich umgeschaut, probiert, vom etwas größeren Kleingewerbe geträumt. Und jetzt bin ich einfach an einem Punkt angekommen, an dem ich merke, ich kann immer noch alles probieren und testen, doch Zeit für große Schritte bleibt mich nicht viel. Wenn ich nun aber den kleinen Schritt in die Arbeitswelt wage, bleibt mir noch mehr als genug Zeit mich anders zu orientieren. Und wer weiß? Vielleicht zeigt mir ein „Handlangerjob“ genau den richtigen Weg, den ich auch mit Anfang vierzig noch einschlagen kann…Und Hallo??? Ich bin doch erst vierzig Jahre alt und nicht schon.

In diesem Sinne:

Man ist so alt wie eine Kuh und lernt noch jeden Tag dazu!

Gehabt euch wohl!

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