#Feingeist |
Wendepunkte

Dass der Jahrzehntenwechsel nicht immer einfach ist, war mir bewusst. Grade wenn man als Frau vierzig wird, sollte es schwer werden. Graue Haare, Gewichtsprobleme, Gelenkschmerzen, Zyklusbeschwerden, Hängetittchen…darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, mit vielem davon kämpfe ich schon seit dem letzten Jahrtausend.

Die Monate nach meinem letzten Beitrag waren so gar nicht nach meinem Geschmack. Je weniger Arbeit ich fand, desto mehr ließ ich mich gehen. Und zwar in alle Richtungen. Der Haushalt blieb liegen, die Chips und Schoki hingegen nicht. Die Familie trat mehr und mehr in den Hintergrund. Das passierte von ganz allein. Meine Kinder waren kaum noch zu Hause, mein Mann orientierte sich wieder in die Selbständigkeit. Ich gab Unmengen an Geld für Stifte und Papier aus, vertrieb mir die Langeweile mit Lettern bei Instagram und challengte, was das Zeug hielt. Viele Stunden verbrachte ich am Handy, viel zu viele! Und wenn ich mal Zeit für meine Familie hatte, dann motzte ich nur rum, weil meine Arbeit und ich für selbstverständlich genommen wurden. Dass ich mich selbst ins Abseits schoss, bemerkte ich gar nicht.
Ziemlich schnell gab ich es auf, wirklich nach einem Job zu suchen. „Im Januar fang ich richtig an zu suchen. Bis dahin weiß ich, was ich machen will.“ Tja, dann war es  Oktober 2016 und mit dem düsteren Herbst kam die dunkelste Zeit in meinem ganzen Leben. Hier gab es einen riesen Krach. Die Eheringe wurden abgelegt, der Holde zog aus. Er ließ mich einfach mit den Kindern allein. Es gab Tränen, es gab Aufgeben, es gab Enttäuschungen von Menschen, die mir nahe standen. Irgendwann gab es auch einen Baum, vor den ich gerne gefahren wäre…doch dann wachte ich auf.

Ich war gar nicht die verlassene Ehefrau, die sich allein und ohne Job um die Kinder kümmern musste, während der Mann sich ein tolles Leben weit weg von der Heimat machte. Ich war diejenige, die ihre Familie bereits vor Monaten verlassen hatte, ohne wegzugehen. Und kein Mitglied meiner Familie konnte etwas dafür, dass ich anfing, mich nicht mehr leiden zu können. Es lag nicht an den zehn Kilos, die ich im letzten Jahr wieder zugenommen hatte. Auch nicht an den chronischen Schmerzen, mit denen ich ja schon seit meiner Jugend lebe. Es lag auch nicht an der ein oder anderen Falte, die nicht nur beim Lachen um die Augen erscheint. Es lag alles ganz allein nur daran, dass ich mir selbst etwas nicht eingestehen wollte: die große Vierzig machte mir Angst und ich vermisste meine Arbeit – die Altenpflege, wo ich ja gar nie wieder hin zurück wollte…

Durch Erzählungen von Freunden und Bekannten in der Pflege habe ich die letzten Jahre immer wieder gedacht, meine Entscheidung war richtig, den Beruf an den Nagel zu hängen. Auch wenn meine Arbeit für mich immer meine Berufung war. Ich träumte seit einer ganzer Weile allerdings komische Sachen. Bewohner aus verschiedenen Heimen, in denen ich mal gearbeitet habe, besuchten mich. Ehrlich jetzt! Sie sagten, sie vermissten mich. Gruselig irgendwie…denn ob der Jahre, die ins Land gegangen sind, könnten mich tatsächlich jenseitige Seelen besucht haben.

Ok, Oktober…Donnerwetter…Selbstaufgabe…ach ja. Von Oktober bis Dezember nahm ich die siebzehn Kilo ab, die ich bis zum Frühling geschafft haben wollte. Nicht, dass ich stolz drauf war. Ich konnte nicht mehr essen, ich konnte nicht mehr schlafen, ich konnte gar nichts mehr…leben ist anders. Ich funktionierte nur noch. Ich war da für die Kinder, es gab täglich Essen auf dem Tisch, wir machten zu dritt wunderbare Ausflüge. Es gab auch viel zu lachen. Zum Beispiel der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, der noch gar nicht stattfand.
Wir machten uns eine schöne Zeit, so schön es eben ging. Doch immer fehlte etwas…es fehlte jemand – es fehlte eine Person. Eine Person, die schon lange nicht mehr wirklich ein Teil dieser Familie war. Eine Person, die sich immer selbst im Weg stand und deswegen nur nebenher wanderte…eine Person, von der ich dachte, sie so gut wie niemanden auf der Welt zu kennen, die mir so fremd geworden war. Eine Person, die ich immer weniger leiden konnte, mit der ich nicht mehr leben wollte. Nein, ich rede nicht vom Holden, der sicher auch fehlte, aber nun mal weg war. Dieser jemand, der fehlte, war ICH!

Es war der 08.12.2016, an dem ich endlich aufwachte. Einmal mehr führte ich ein wirklich pathetisches Telefonat mit meinem Mann. Und ich meine pathetisch im Sinne von erbärmlich, armselig, zum Heulen sein, … denn das war ich mit meinem Selbstmitleid und dem nicht einsehen wollen, dass nur ich an meiner Situation etwas ändern kann.
Ok, da saß ich dann auf meinem Bett und weinte (mal wieder) bitterlich. Wo war der Baum, der mir ein paar Tage vorher wie ein Lichtblick erschien? Lichtblick…und ich bekam die Erleuchtung.
Statt dem Baum suchte ich die Telefonnummer eines ambulanten Pflegedienstes. „Hallo, haben sie Bedarf an Pflegefachkräften?“ Am nächsten Tag, einem Freitag, ging ich um zehn Uhr zu einem Vorstellungsgespräch, was im Nachhinein das Einstellungsgespräch war. Mittags informierte ich die Kinder, dass sie ab Montag morgens eine halbe Stunde bis Stunde vor der Schule alleine sein werden, Montag arbeitete ich den ersten Tag zur Probe, Mittwoch bekam ich die Zusage für den von mir beworbenen Minijob, Freitag feierte ich meinen Vierzigsten ganz unspektakulär, am darauffolgenden Mittwoch arbeitete ich bereits ohne mitfahrendende Kollegin. Weihnachten, Mamsellchens Geburtstag, Silvester, Neujahr, Blick auf den Dienstplan: bisschen viele Stunden für 450 Euro, Vertrag für eine 50% Stelle unterschrieben…ja! Es ging Knall auf Fall. Und witzigerweise lief es einfach. Alle Gedanken, die mich die Jahre vorher von der Rückkehr in die Arbeitswelt abgehalten hatten, waren umsonst. Denn es lief…es musste laufen! Die Kinder waren stolz und glücklich darüber, endlich mal altersentsprechend behandelt zu werden. Es gab sogar enttäuschte Gesichter, wenn ich früher von der Arbeit kam, weil eine Zehnjährige sich vorgestellt hatte, das Haus für sich zu haben. Es lief, es funktionierte und das tut es bis heute sehr gut.

Wenn mir jetzt jemand sagt, der März sei schon wieder fast rum und die Zeit verfliegt einfach nur so, dann kann ich nur nicken. An stressigen Tagen halte ich inne und denke darüber nach, was seit Anfang des Jahres schon wieder alles passiert ist. Kann in so wenigen Wochen echt ein ganzes Leben sich ändern? Es ist nicht nur die Rückkehr ins Berufsleben, was anders geworden. Meine ganze Sicht auf das Leben, meine Einstellung zum Mama- und Ehefraudasein, die Selbstverständlichkeit, mit der wir in der Regel das Leben leben, das alles und sicher noch mehr hat sich geändert. Quasi von einem Tag auf den anderen…

Noch etwas Wesentliches hat sich getan. Es brauchte wenige Gespräche um festzustellen, dass mein Mann und ich so gar nicht glücklich über die Trennung waren. Und obwohl viele böse und auch ehrliche Worte gefallen waren, haben wir einen Neuanfang gewagt. So ist der Holde wieder eingezogen und wir lernen uns im Moment ganz neu kennen – wir alle vier!

In diesem Sinne:

Manchmal braucht es einfach ein echtes Donnerwetter mit Sturzregen, damit die Sicht wieder klar wird.

Gehabt euch wohl!

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One Response to #Feingeist |
Wendepunkte

  1. Sandra says:

    Und wenn Du glaubst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her … wie gut, dass das Lichtlein Dir den richtigen Weg gewiesen hat. Ich freue mich sehr für euch, dass sich alles wieder neu ineinandergefügt hat.

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