Denk ich positiv, beginn ich
oder: immer wieder alles auf Anfang

Oh man…soll ich wiederholen, dass ich gerne schreibe und mir wirklich was fehlt, wenn ich das nicht tue?

Als ich den letzten Beitrag schrieb, dachte ich: „Hey, jetzt läuft dein Leben in geregelten Bahnen, jetzt kannst du wieder bloggen, jetzt hast du vor allem was zu bloggen!“ Ich wollte extra ein neues Instagramaccount eröffnen, um meine Handletterings zu zeigen. Das alte ist aus diversen Gründen eigens von mir gelöscht worden. Ich wollte über den Alltag mit meinen Pubertierchen erzählen, der wird nämlich immer amüsanter. Über die Höhen und Tiefen eines Eheneuanfangs wollte ich berichten, um anderen Mut zu machen, dass man nie aufgeben sollte. Alles sollte sich ändern hier! Mal nicht das Design, sondern ich wollte wirklich mehr aus meinem Privatleben erzählen, da ich tatsächlich der Meinung bin durch meine Lebenserfahrungen anderen eine neue Sichtweise zu geben, wenn alles so aussichtslos erscheint. Positiv denken sollte mein neuer Leitsatz in meinen Beiträgen sein. Ich wollte über meine Arbeit schreiben. Darüber, warum ich nie zurück wollte und was sie mir dann gegeben hat…und dann? Dann wurde wieder alles anders…denn ich musste mich daran erinnern, warum ich nie wieder in die Altenpflege zurück wollte – nein! Ich wurde wieder daran erinnert.

Die letzten Wochen musste ich erneut tief in mich gehen. Menno, der Weg ist doch immer so weit. Ich musste mal wieder darüber nachdenken, warum ich so unstet bin. Warum fange ich was an und bringe es nie zu Ende? Sind das echt immer die anderen? Oder liegt es an mir? Tatsächlich musste ich mich dank meiner Kollegen und gar Chefs mal wieder fragen: „Bin ich ein schlechter Mensch?“ Kann man echt nicht mit mir auskommen?
Um die Gründe für meinen Schon-Wieder-Neuanfang kurz zu erklären: die Arbeit hat mir echt Spaß gemacht.
Ich zweifel ja immer an mir. Selbstbewusstsein trage ich vielleicht nach außen, doch innen sieht es ganz anders aus. Ihr solltet wissen, dass ich mich eigentlich selbst für keinen schlechten Menschen halte. Sicher mache ich Fehler, bestimmt mag mich nicht jeder. Doch im Prinzip bin ich ein lebensfroher, humorvoller, recht kluger Mensch, den man jederzeit anrufen kann – „Hallo, ich kann nicht schlafen…“ „Ok, dann schlaf nicht mit mir“
Da sieht man, wo bei mir der Hase hängt und wie der Hammer hoppelt. Ich bin immer bereit zu geben, erwarte dafür nichts zurück. Außer ein Lächeln über den Fortschritt, der mit meiner Hilfe geschehen ist.

Es gab da so ein Schlüsselerlebnis: ein noch gar nicht so alter Mann  war nach zwei Schlaganfällen mutlos, aber nicht kraftlos geworden. Von Anfang an arbeitete ich an seinem Selbstvertrauen. Ich sah eine Menge Potential. Ich sah ihn wieder alleine laufen, doch er ließ sich lieber hängen – im wahrsten Sinne des Wortes, denn selbst im Stehlifter hing er einfach nur so rum. Wenn ich daneben stand, machte er gar nichts alleine. Durch meine Kinder habe ich gelernt: manchmal hilft es, einfach kurz wegzugehen und schon können sie die Flasche selbst aufdrehen. Also trickste ich und fand immer einen Weg, dass der Herr ein bisschen selbst was tun muss. Und es funktionierte. Wir waren schnell soweit, dass er sich teilweise selbst wusch, selbst anzog und im Stehlifter für ein paar Minuten stand. Dann kam der Tag, an dem er sich selbst die Hose und die Schuhe anzog…und er transferierte sich alleine und ohne Lifter vom Bett in den Rollstuhl. Ich weiß nicht, ob nur jemand vom Fach verstehen kann, wie nah man in so Situationen am Wasser gebaut ist.

Am selbigen Tag allerdings wurde ich ins Chefbüro zitiert: „Warum brauchst du bei Herrn SoWieSo fünfundsechzig Minuten? Fünfzig ist das Längste, was du da sein kannst.“ (Die reden hier so aufm Land!) Ooops…Mist…Zeitmangement… „Naja, ich sage mal so, ich habe ihn mobilisiert. Das gehört doch zu meinen Aufgaben“ „Ja, aber das ist in Zukunft deine Freizeit, das ziehen wir dir von der Arbeitszeit ab.“ Bin ich doof??? Ich mein, ich habe kein Problem damit jemanden von Kopf bis Fuß und zurück in den Ausscheidungsbereich zu waschen. Wenn ich das selbst mache, schaffe ich das in weit unter fünfzig Minuten. Aber ich nehm doch niemandem seine eigenen Ressourcen! Ich schäl doch meinen Kindern keine Mandarine, nur weil ich es schneller kann. Ich hol mir doch nicht mein Fleisch beim Metzger selbst aus der Theke, weil die Verkäuferin wegen Rheumaschub langsamer ist. Ich gebär doch nicht das Kind meiner schwangeren Freundin, weil sie Angst vor den Schmerzen hat. Ich trag doch meinen Kater nicht den ganzen Tag rum, weil er sich beim Machtkampf eine Verletzung zugezogen hat und nur auf drei Beinen laufen kann. Persönlich kann ich doch immer einschätzen, was jemand kann und was nicht. Naja, von dem Zeitpunkt an merkte ich, dass man mich nicht mehr wollte und nachdem ich selbst fristgerecht in der Probezeit gekündigt hatte, sagte man mir das auch. Mit den Worten: „Ich glaube, für die Altenpflege bist du nicht geeignet.“ Wusch…schlag mich fester!
Selbst zu kündigen mag nicht gut aussehen, aber nachdem man mir dann wirklich durch viele gemeine und verlogene Worte gezeigt hat, dass man mir gekündigt hätte, sobald die wieder einzugliedernde Mitarbeiterin eingearbeitet war, fühlte ich mich in meiner Menschen- und Lebenskenntnis bestätigt und konnte mit dem Gefühl gehen: ICH habe es kommen sehen! ICH habe es beendet! ICH bin schlauer…

Nun denn, selbst weiß ich das ja schon seit dreizehn Jahrn und länger. Aber ich denke nicht, dass ich eine schlechte Altenpflegerin bin. Ich bin mir zu gut dafür. Ich will Menschen ihre Lebensqualität erhalten oder gar zurückgeben. Ja ich möchte das nicht nur, ich will das! Für die Menschen und auch für mich. Ich gehe leichter und lustiger nach Hause, wenn ich nur ein einziges Lächeln am Tag erhalten habe.
Aber wo kann ich das in meinem Beruf ausleben? Nirgends! Wer gibt mir die Zeit dafür? Niemand! Wer akzptiert eigentlich, dass ich nicht zu dem gemein bekannten Berufsbild der Altenpflege gehöre? Wer versteht, dass ich nicht so bin, wie man es in Reportagen aus den Alltagen der bösen und gestressten Pflegefachtkräfte kennt? Wer glaubt mir, dass ich niemals gefährliche Pflege betreiben würde? Lieber würde ich tatsächlich mir die zu lang gebrauchte Zeit abziehen lassen…also Altenpflege adé.

Die paar Wochen, die ich wieder gearbeitet habe, waren sehr lehrreich für mich. Nicht nur, dass ich jahrelang richtig lag, mich lieber um etwas anderes zu kümmern. Meine Kinder haben mir gezeigt, wie groß sie schon sind und wie gerne sie mich los sein wollen. Gespräche haben ergeben, sie können morgens vor der Schule alleine sein, Nachmittags sind sie es sowieso gerne. Aber am Abend muss die Mama da sein – fürs Bäuchlein streicheln, Kuscheln und Gute Nacht sagen. Und am Wochenende und den Feiertagen ist meine Anwesenheit ein Muss. „Denn es ist total fies, dass wir Samstagabend nicht mehr Burger und Pommes essen, sondern bestellen, weil du dann Spätdienst hast.“ Sind sie nicht süß??? Ich liebe meine verfressenen FastFood-Kinder.

Und jetzt? Ich erinnerte mich ungern an die Zeit, in der ich selbst nicht ohne Hilfe über den Tag kam. Umso gerner erinnerte ich mich an einen Entschluss, den ich damals gefasst hatte, als ich noch gar nicht wusste, ob ich jemals wieder arbeiten gehen kann – denn vor allem das Gehen im Sinne von Laufen war ja damals etwas, was mir nicht gelang. Es war die Ergotherapie, die mich ins Leben zurück rief. Ich bin ja recht kreativ veranlagt und schreibe gerne…ich weiß, das mit dem Schreiben nervt ;)…damals habe ich durch Zitate abschreiben, malen, Körbchen flechten, Töpfern, usw. meine Feinmotorik zurück erhalten, meine Koordination gefördert und vor allem mich dabei so sehr erholen können, dass ich Kraft hatte mich beim Laufen zu konzentrieren und nicht hin und her zu wackeln. Die Ergotherapie war für mich effektvoller als jede Krankengymnastikstunde. So unterhielt ich mich mit einer Therapeutin über die Ausbildung und sie machte mir damals schon Mut, es einfach wenigstens als Langzeitziel im Kopf zu behalten. Der Mensch braucht ja Ziele…
Da war ich 37, jetzt bin ich 40. Fängt man in dem Alter nochmal was anderes an? Man vielleicht nicht, aber Kaddie…die immer so unstet ist, die immer wieder Flausen im Kopf hat. Kaddie, der Kindskopf – denn gefühlt bin ich zwanzig Jahre jünger. Selbst denke ich, ich habe noch nie etwas erreicht in meinem Leben. Hab ich das nicht? Doch! Egal wie hart es manchmal bei mir läuft – und das manchmal ist manchmal ziemlich oft – am Ende stehe ich immer da, auf zwei gesunden Beinen und weiß, was ich für mich machen kann, um glücklich zu sein. Ich weiß, was ICH mir wert bin. Und wenn ich auch immer wieder was Neues anfange, das dann mehr oder weniger nur zum Hobby werden lasse. Ich bleib ja schon irgendwie dran.

Am 10.05.2017 bewarb ich mich online an der hiesigen Ergotherapieschule. Am 22.05.2017 hatte ich einen Bewerbertag, am 24.05.2017 trudelte der Ausbildungsvertrag ein. Es dauerte also auf den Tag genau zwei kurze Wochen und wieder hat sich mein Leben verändert. So werde ich nun ab Oktober diesen Jahres täglich von 8:45 Uhr bis 16:00 Uhr die Schulbank drücken. Ich werde viel lernen müssen, praktische Einsätze haben. Von August bis Oktober 2020 werde ich mich im Examen befinden. Mein Leben für die nächsten drei Jahre ist demnach ziemlich genau geplant.
Oh Gott, was werden die Anderen nur wieder sagen. Frau Kaddie IchMachImmerWasNeuesUndWerdNunSchonWiederKeinGeldVerdienen fängt wieder von vorne an? Es gab noch niemanden, der mir das ausreden wollte. Im Gegenteil. Eigentlich bekomme ich nur Zuspruch. Den meisten Mut gibt mir der Holde – der glaubt an mich und das auch fest.

Wenn ich dann wieder anfange zu arbeiten, werde ich fast 44 Jahre alt sein. Dann bleiben mir noch um die zwanzig Jahre zum Arbeiten. Das ist ok. Und Ergotherapie ist ein Beruf mit Zukunft. Die Schulen beschweren sich teilweise über Auszubildendenmangel, weil der Zweig echt gebraucht wird. Doch das aller aller aller Wichtigste: ich kenne einige Ergotherapeuten und ich sehe sie IMMER lächeln und gut gelaunt. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich in diesem Berufsbild richtig aufgehoben sein werde und meine Erfüllung finden werde.
Während meiner Ausbildung habe ich selbst noch gelernt, wie man Menschen mit Einschränkungen leicht und mit Spaß fördern kann. Das war mir neben der Pflege und dem Medizinischen immer wichtig! Ich darf es nicht mehr – genau: ich DARF es rein gesetzlich nicht mehr, denn ich habe die Zeit gar nicht dafür…doch es gibt offensichtlich einen Weg, der mir erlaubt, an der Arbeit ich selbst zu sein…

In diesem Sinne:

Egal was kommt, es wird gut – SOWIESO
immer geht ne neue Tür auf – IRGENDWO

* Mark Foster – Sowieso – 2016 *

Gehabt euch wohl!

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2 Responses to Denk ich positiv, beginn ich
oder: immer wieder alles auf Anfang

  1. SamyBee says:

    Glückwunsch zu dieser Entscheidung! Es liest sich, als ginge es Dir mit damit jetzt besser.
    Und falls es mal schwierig wird, halte dieses Zuel fest vir Augen und lies dann diesen Beitrag von Dir noch mal…
    Und als Mutter eines Pubertiers würde ich mich freuen, mehr von deinen Erfahrungen zu lesen.

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